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Fett ist nicht gleich Fett
BMI ist nicht der Weisheit letzter Schluss
Donnerstag, 08. April 2010
Galt früher das sogenannte „Idealgewicht“ als Maß aller Dinge, etablierte sich vor einigen Jahren der Body Mass Index als Maß für potenzielles Übergewicht in der Medizin. Dieser Messindex errechnet sich aus Gewicht in Kilogramm dividiert durch Körpergröße in Metern zum Quadrat.
„Allerdings kann der BMI nicht zwischen Fett, Gewebsflüssigkeit und Muskeln unterscheiden, weshalb die Berechnung des BMI zur Ermittlung des Gesundheitsrisikos – etwa für das Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung – mittlerweile eigentlich längst als veraltet gelten sollte“, sagt die Wiener Frauengesundheitsbeauftragte, Prof.in Dr.in Beate Wimmer-Puchinger. WissenschafterInnen aus Deutschland haben in einer soeben publizierten Studie nachgewiesen, dass sich für eine sinnvolle Berechnung des Gesundheitsrisikos das Verhältnis zwischen Taillenumfang und Körpergröße wesentlich besser eignet.
Taille zu Körpergröße
Die StudienautorInnen berichten in der April-Ausgabe des „Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism", einem renommierten medizinisch-wissenschaftlichen Fachjournal, dass sich der Wert, der sich aus der Division zwischen Taillenumfang in Kilogramm und Körpergröße in Zentimetern ergibt, eine wesentlich genauere Risikoprognose für Herz-Kreislauferkrankungen ermöglicht, als der BMI oder das, ebenfalls einige Jahre lang propagierte Verhältnis zwischen Hüft- und Taillenumfang.
In der Studie, die an der Münchener Ludwig Maximilians-Universität durchgeführt wurde, wurden 10.000 TeilnehmerInnen über einen Zeitraum von vier bis achteinhalb Jahren begleitet. Dabei wurden in regelmäßigen Abständen ihr BMI, die Hüft-Taille-Relation sowie das Verhältnis zwischen Taillenumfang und Körpergröße gemessen. Das Ergebnis: „Der BMI spielt für das Schlaganfall-, Herzinfarkt- und Todesrisiko keine Rolle“, sagt Studienleiter Harald Schneider. Die beste Aussagekraft hatte tatsächlich das Verhältnis zwischen Taillenumfang (gemessen in Nabelhöhe) und Körpergröße.
Fett kann Schutzfaktor sein
Die Ursachen für diesen Paradigmenwechsel finden sich ebenfalls in neueren Forschungsergebnissen. Demnach ist Fett nicht gleich Fett. Keine Gefahr stellt etwa das Fett an Hüften, Oberschenkeln und Gesäß dar – im Gegenteil, Fettpölsterchen an dieser Stelle wirken sogar schützend auf den Organismus. Dieses Fettgewebe reduziert etwa das Risiko für Osteoporose, also Knochenschwund im Alter.
Tatsächlich negative Auswirkungen hat dagegen das Bauchfett. Denn dieses Fett ist kein statisches Gewebe, sondern wird von MedizinerInnen mittlerweile sogar als eigenes, endokrines Organ gesehen. Das bedeutet, in einem solchen Organ werden Hormone produziert oder umgewandelt, was zu Bluthochdruck, zu hohen Blutfettwerten und zu hohen Blutzuckerwerten führen kann. Und diese Faktoren erhöhen das Risiko für eine Herz-Kreislauferkrankung massiv.
Begrenzte Aussagekraft
Die aktuellen Studiendaten aus Deutschland erhärten die These, dass der BMI sich nur sehr begrenzt als Aussagewert für die Bestimmung des Risikos einer Herz-Kreislauferkrankung eignet. „Vielmehr stellt ein leichtes Übergewicht, mit einem BMI zwischen 25 und 30, vor allem im höheren Lebensalter, sogar einen protektiven Faktor dar“, hält Wimmer-Puchinger fest. So konnte in Studien belegt werden, dass leicht übergewichtige Menschen länger leben, als jene, die einen „idealen“ Body Mass Index aufwiesen.
Und bereits 2008 belegten New Yorker ForscherInnen, dass jeder zweite Übergewichtige kerngesund ist: Sie untersuchten über fünf Jahre lang fast 5.500 Personen, die in drei Gruppen (normalgewichtig, übergewichtig und fettleibig) eingeteilt und regelmäßig auf sechs Herzinfarkt-Risikofaktoren untersucht wurden. Dabei zeigte sich ebenfalls: Menschen, die Fett vor allem an Hüfte, Oberschenkel und Gesäß „ansammeln“, wiesen kein erhöhtes Herz-Kreislaufrisiko auf. Jene StudienteilnehmerInnen, die dagegen besonders am Bauch mit zu viel Fett zu kämpfen hatten, trugen ein erhöhtes Herz-Kreislaufrisiko.1
Fazit: Fett ist nicht gleich Fett und der BMI als Messkriterium für das Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung hat ausgedient.
Mäßiges Übergewicht wirkt – vor allem im höheren Lebensalter schützend vor Herz-Kreislauferkrankung und Osteoporose. Das Wiener Programm für Frauengesundheit setzt sich stark gegen die Diskriminierung von Menschen mit Übergewicht und gegen die Propagierung ungesunder, weil viel zu dünner, Körpermaße ein.
Sichtbares Zeichen dafür ist die „No BODY is perfect“-Schleife – die unter frauengesundheit@ma15.wien.gv.at kostenlos bestellt werden kann.
1 Wildman R. et al (2008). The Obese Without Cardiometabolic Risk Factor Clustering and the Normal Weight With Cardiometabolic Risk Factor Clustering. Arch Intern Med. 2008;168(15):1617-1624.
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